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„Cuties“ – Sexualisierung von Kinder durch Netflix?

Am 9. September 2020 soll der neue Netflix-Film „Cuties“ online über den Streaming-Dienst verfügbar sein und der Trailer sorgt jetzt schon für einen Skandal. Auf Youtube hat der Trailer aktuell ein Like zu Dislike-Verhältnis von 28.000 Likes zu über einer Millionen Dislikes.

Trailer zum Film „Cuties“ auf Netflix

Netflix beschreibt den Film so : Eleven-year-old Amy starts to rebel against her conservative family’s traditions when she becomes fascinated with a free-spirited dance crew.

Der Plot ließt sich jetzt erstmal relativ harmlos doch was hier als „free-spirited dance“ bezeichnet wird, ist lediglich eine nette Beschreibung für Twerking und stark erotisierten Tanz, wie man in Szenen des Trailers sehen kann.

Kinder beim Twerken

Laut Wikipedia ist Twerken „Tanz zu Popmusik in sexuell provozierender Weise mit stoßenden Hüftbewegungen und einer tiefen, hockenden Haltung.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Twerking

Das Problem ist aber nicht nur, dass man Kindern beim Twerken sieht, oder irgend einen anderen erotisch orientierten Tanz aufführen und zur Schau stellen lässt, sondern dass sie dabei auch noch sehr knappe Höschen tragen, stark geschminkt sind, körperbetonte Leggings und natürlich bauchfrei in Tops zur Schau stellt. Auch Szenen, in denen sich die Kinder an die nicht vorhandenen Brüste fassen, oder sich Finger in den Mund stecken, um sexy zu wirken(?), oder einen Blowjob zu imitieren(?) und von sehr viel älteren Jungs angebaggert werden und dann über ihr Alter lügen kommen vor.

Szenen wie diese werfen Fragen auf

Mir ist bewusst, dass sich die Zeiten ändern und durch das Internet und Sozial-Media die Bedürfnisse von Kindern sich stark verschoben haben. Im Trailer kann man in einer Szene erkennen, dass diese Gruppe durch Likes über Instagram einen Zuspruch erhält, der heutzutage für sehr viele Menschen zur Lebensgrundlage geworden ist, für die sie praktisch alles tun würden.

Aber, der Trailer versprüht durch seine Inszenierung eine Art Aufbruchsstimmung, eine Art Legitimation, als würde man versuchen zu vermitteln, dass es eben völlig normal ist, dass 11 jährige Kinder gerne ihre Sexualität zur Schau stellen, als würde man eine Lanze für Kinder brechen wollen, sich endlich zu ihrem „sexy“ Körper und ihre „wahren“ sexuellen Bedürfnisse zu bekennen. Aber geht es wirklich in dem Film darum, oder setzt Netflix einfach nur auf die Sex sells Karte?

Die Regisseurin Maïmouna Doucouré hat ähnliche Szenen selbst auf einen Straßenfest erlebt. 11 jährige Mädchen tanzten auf einer Bühne und vermitteln sexuelle Verfügbarkeit, während im Publikum Mütter mit Kopftüchern saßen. Dieser Kulturschock war der Impuls den Film „Cuties“ zu drehen. Der Film „Mignonnes“, der im Januar 2020 auf dem Sundance Filmfestival Premiere feierte, wurde dann von Netflix aufgegriffen und jetzt entsprechend mit diesem Trailer und einem neuen Filmplakat vermarktet.

Auch wenn der Film eine durchaus legitime Geschichte erzählt, es geht um einen Kulturkonflikt, um (zu) schnelles Erwachsenwerdens und Problemen die die Anfänge der Pupertät so mit sich bringen, so muss man sich doch sehr über die Vermarktung wundern und sich fragen, ob es Netflix wirklich um die Story geht.

Gerade Netflix´s Vermarktungs-Strategie wirft Fragen auf. So wurde das eher harmlosere Filmposter, des französischen Films gegen eine stark polarisierende und sexualisierende Version ausgetauscht. Warum? Völlig unabhängig vom Inhalt des Films kann man im Original-Poster tatsächlich eine Art Intention erkennen, die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens in den Vordergrund zu drängen. Vier Kinder tanzen ausgelassen und verrückt gekleidet eine Straße entlang. Seht her, wir werden erwachsen und wir machen verrückte Sachen und ja, wir erkennen langsam, dass wir Frauen sind, oder zumindest zu Frauen werden. Kann man so stehen lassen.
In der Netflix-Version sieht man allerdings die gleichen vier Protagonistinnen in sehr knapper und sexy Kleidung, in Doggystyle-Pose, mit rausgedrücktem Hintern, gespreizten Beinen und laszivem Blick. Nochmal, warum?

Links das Original Filmposter, rechts die Netflix-Version

Glaubt Netflix, dass ein französischer Film, der seinen Fokus eigentlich auf einen sehr problematischen Zeitgeist richtet und streng genommen, als, wenn auch sehr provokante Gesellschaftskritik verstanden werden will nur dann wirklich Erfolg haben kann, wenn man seine Ursprungs-Intention einfach mal um 180 Grad dreht?
Sicherlich, auch die Inszenierung des Films selbst bleibt kontrovers, aber genau das wollte die Regisseurin auch erreichen, aber dass nun das Film-Plakat geändert wurde und die problematischsten und aus Sicht von Netflix wohl erotischsten Szenen des Films in einem Trailer zusammen geschnitten wurden ist der eigentliche Skandal. Sex sells macht eben auch nicht vor Kindern halt und genau das wollte der Film eigentlich aufzeigen und wohl auch kritisieren.

Ein vielleicht sehr guter Film, der zum Nachdenken und Reflektieren anregen könnte, wird nun als Hommage an die Pädophilie wahrgenommen, wie man den zahlreichen Kommentaren entnehmen kann und Netflix hat sich nun zumindest einmal, für das neue Film-Poster entschuldigt.

Egal wie man nun den Film selbst, oder die Vermarkung von Netflix wahrnimmt und bewertet, der ganze Skandal, oder von mir aus die Kontroverse, zeigt einige Probleme in unserer Gesellschaft auf.

Gut ist, dass offensichtlich ein Großteil der Gesellschaft solch eine Hypersexualisierung von Kindern in den Medien ablehnt. Schlecht ist, dass sie das nur im Internet tun und im echten Leben Kinder mit so knappen Hosen, dass ihre Arschbacken herausschauen zum Alltagsbild gehören. Auch frage ich mich, wo all diese Internetwarrior sind, wenn es um die tatsächlichen Rechte von Opfern und die Prävention geht? Wie kann es sein, dass sich im Internet solch eine massive und vehemente Ablegung von Kindesmissbrauch abzeichnet, die Opfer im echten Leben aber kaum bis keine Unterstützung dieser Menschen erfahren? Wo sind all diese meinungsstarken und lauten Leute, wenn es darum geht, die Bedürfnisse echter, wahrer und sichtbarer Opfer zu erkennen und wahrzunehmen?
Meiner Meinung nach geht es den Meisten gar nicht wirklich um die Thematik, oder wenn dann nur temporär. Das Phänomen des Lynchmobs ist stark im Internet präsent und wenn sich die Gelegenheit bietet, jemanden Gewalt, oder sogar Mord anzudrohen, dann nimmt man sie gerne anonym und in der Masse wahr, vor allem im Internet. Die meisten suchen einfach nur ein Ventil für ihre Wut, die oft nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat und wenn die abgelassen ist, verlieren sie das Interesse. Das ist wie eine geistige Ejakulation, die aber niemandem hilft, schon gar nicht den wahren Opfern von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung, sondern nur den Leuten, die „geistig ejakulieren“ um sich kurzfristig besser zu fühlen. Im Gegenteil, mich macht das wütend, denn so sind wir, die Opfer nur Mittel zum Zweck und streng genommen auch nur und wieder mal eine Masturbationshilfe, wenn auch einer geistigen. Diese Menschen machen das nur für sich, aber sicher nicht, um der Welt und den Opfern von sexueller Gewalt einen Dienst zu erweisen.

Auch zeigt sich, dass viele Menschen nicht zur Differenzierung fähig sind. Da wird von Volljährigkeit gesprochen und jedem Menschen seine Sexualität abgesprochen, bis dieser eben seine Volljährigkeit erreicht hat. Da werden 17 Jährige Menschen mit 11 jährigen Kindern verglichen und auch das zeigt, dass diese meisten Kommentatoren eigentlich gar nicht wissen, worüber sie sich eigentlich aufregen und das Thema wieder nur Mittel zum Zweck für sie ist. Doppelmoral und Heuchelei wird gerade beim Thema Sex immer sehr offensichtlich und zeigt die Unsicherheiten und das Chaos im Bezug auf die eigenen Bedürfnisse, Moral, Gesetz und gesellschaftliche Konventionen auf. Da helfen auch Strohmann-Argumente nicht mehr, das zu überdecken. Der Unterschied zwischen Missbrauch und selbstbestimmten Sex ist den meisten Menschen irgendwie nicht klar. Frei nach der religiösen Doktrin : Sex böse, Gewalt gut.
Ich gehe in einem anderen Beitrag darauf nochmal, aus Sicht eines Opfers ausführlicher ein, aber hier und jetzt bleibt mir zum Abschluss nur noch zu sagen : Netflix hat mit der Vermarktung des Films in eine völlig falsche Kerbe geschlagen und ja, ich finde die Annahme, dass wir, als Gesellschaft das so sehen wollen widerlich und auch gilt es die wahre Intention von Netflix zu hinterfragen, aber eine hysterische und geheuchelte Diskussion, gespickt mit Gewaltfantasien löst keine Probleme und hilft schon gar nicht den Menschen, die schon zu Opfern geworden sind und leider noch werden.

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