mitmirnichtmehr.de

Diskussionskultur um #allesdichtmachen widerlich und heuchlerisch

Ich will mal eine Sache, mit deutlichen Worten klarstellen. Die, die jetzt, zu Zeiten von Corona, auf das Gesundheitssystem schauen und die Überforderung des Systems als Argument für jede noch so sinnlose Maßnahme anführen, die, die klatschend auf ihren Balkonen standen, oder jetzt jede noch so angebrachte Kritik niederbrüllen, sich als Gutmenschen aufspielen und die Belastung von Pflegerinnen und Pflegern in den Vordergrund spielen und sich als die Erleuchteten im Umgang mit der Pandemie sehen, die, die auf einmal ganz genau glauben zu wissen, wie es im medizinischen Bereich zugeht und Solidarität fordern, waren die, die vor der Pandemie still waren. Und zwar so richtig still, selbst dann, als wir fast schon flehend um Aufmerksamkeit gerungen und um Missstände aufmerksam gemacht hatten. Schon lange, sehr lange vor Corona.

Seit meinem 17. Lebensjahr habe ich immer wieder in der Pflege gearbeitet. Vollzeit, als Praktikant, als Aushilfe und auch viele, viele Jahre ehrenamtlich. Insgesamt locker über 10 Jahre. Altenheime, Behindertenheime, Persönliche Assistenzen für Schwerstbehinderte und/oder Senioren. Ich habe sogar selbst als junger Mann in einem Altersheim gelebt. Nicht als Bewohner, als Praktikant und war 6 Monate, 24 Stunden vor Ort. Mein Zimmer lag direkt neben dem Aufenthaltsraum und wie oft hab ich in meiner Freizeit Menschen aufs Klo begleitet, die an meine Tür geklopft hatten, weil sonst niemand Zeit hatte? Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen. Seit über 20 Jahren sind mir Probleme bekannt, die aber noch viel älter sind. Unterbezahlte Fachkräfte, die schon immer einen Knochenjob gemacht haben. Überlastete Einrichtungen, die, wie ich selbst erlebt habe, Praktikanten als Vollzeitkräfte einsetzen, weil kein Geld da ist, um eine Fachkraft einzustellen. Als Praktikant durfte ich teilweise 15 Leute in 2 Stunden versorgen. Fehlendes Equipment. Der ständige, lähmende Kampf mit den Krankenkassen, über Bezahlungen dringend benötigter Versorgungsmittel, die eigentlich nichts kosten. Häuser verkommen zu reinen Verwahrungsstellen, weil kein Geld für einen persönlichen Kontakt und Zeit da ist. Und von der Diskussion über Sterbehilfe fang ich gar nicht erst an.

Spätestens dann, wenn man einem Menschen 7 Tage lang beim qualvollen Verhungern und Verdursten zuschauen, weil man, anstatt ihn human zu erlösen, nur „passiv“ die Sonden ziehen darf, kommt einem das Kotzen. Nicht mal Lippen mit Feuchtigkeit benetzen ist erlaubt, um wenigstens das Leid ein wenig zu lindern, denn die Person könnte sich verschlucken und daran sterben, was juristisch dann ein Problem wäre. Bürokratie in seiner menschenverachtendsten Form. Das ganze System ist kaputt, war es schon immer, aber Euch hat es nie interessiert, weil es Euch nie betroffen hat. Selbst dann nicht, wenn wir wirklich aktiv geworden sind. Als ich damals zum Südkurier gegangen bin, um über den Fall des seit Tagen qualvoll sterbenden Menschen aufmerksam zu machen, hat man mich abwertend angeschaut und mich gefragt, ob ich nicht lieber etwas zum Stadtbild von Konstanz sagen möchte. Sich jetzt aber über den Zynismus von Schauspielern aufregen? Ach hört doch auf!

Es war den Meisten von Euch schlicht egal, so siehts doch aus. Und jetzt fangt Ihr das Heucheln an, wie wichtig doch die Arbeit unserer Pfleger sei? Wie wichtig es sei, einfach mal mit zu machen, um den armen, armen Pflegern Solidarität zu signalisieren? Und jeder, der die #Politik kritisiert, oder nicht mitmacht, ist ein Nazi? Wollt Ihr mich eigentlich verarschen?

99% aller klugscheißenden Fanatiker, die jetzt ihr Maul aufreißen, haben noch nie eine Pflegestätte von Innen gesehen, geschweige denn, dass sie mal einen Waschlappen in die Hand genommen hätten, um einem Menschen, der sich nicht mehr selber helfen kann, den Arsch nach dem Scheißen sauber zu machen, ohne dafür bezahlt zu werden. Wo wart Ihr eigentlich, als Eure Angehörigen Euch gebraucht haben und einsam in ihren Zimmern vegetierten, als Ihr noch die Möglichkeit dazu hattet, sie zu besuchen? In der Theorie ein guter Mensch zu sein ist immer total einfach, aber eben nur in der Theorie.

Corona schmiert Euch nur ein Problem ins Gesicht, das ihr jetzt nicht mehr ignorieren könnt, welches aber nicht neu ist und schon immer da war. Seit Jahren werden Krankenhäuser dicht gemacht, Intensivbetten abgebaut, das Gesundheitssystem war auf dem technischen Stand der 80er/90er und in den Altersheimen geht es teilweise so schlimm zu, dass sich der gesellschaftliche Tenor eingeschlichen hat, da bloß nie landen zu wollen. Eigentlich wisst Ihr doch alle Bescheid.

Von der geistigen Gesundheit bzw. Belastung der Pfleger, fang ich nur am Rande an. Supervision hab ich persönlich noch nie, und ich meine wirklich noch nie in einem Pflegeheim angeboten bekommen. Wenn man den ganzen Tag mit stöhnenden, depressiven und verwirrten Menschen zu tun hat, die sich einscheißen und dann mit offenen Wunden in ihren eigenen Exkrementen liegen, völlig verzweifelt einem nahen Tot ins Auge blicken und am Ende vollkommen alleine sterben, das war auch vor Corona schon so, oder, wie im beschriebenen Fall qualvoll sterben müssen, dann macht das was mit einem. Ich habe mehr tote Menschen gesehen und berührt, als vermutlich so manche, die jetzt besonders laut brüllen, im Fernsehen gesehen haben. Menschen, die auch schon vor Corona einsam gestorben sind und das nicht nur, weil ihre Angehörigen sie vergessen haben, sondern auch unsere Gesellschaft und unsere Politik. Wie viele Menschen mich angefleht haben, sie zu töten, weiß ich schon gar nicht mehr. Wenn man schon als 17 Jähriger von einer Oma am Arm festgehalten und immer und immer wieder verzweifelt gefragt wird, ob man sie nicht irgendwie erlösen kann, aber weder humane Möglichkeiten existieren, noch Angebote für einen selbst, zur Aufarbeitung solcher Erfahrungen vorhanden sind, dann bleibt einem nur noch der Tipp, einfach mal für mehrere Tage die Morphium-Pflaster zu sammeln und dann alle gleichzeitig auf die Haut zu kleben. Man wird in diesem Beruf zum Experten für Selbstmord, von Anfang an und egal wie jung man ist und versteht schnell, dass das der einzige Weg zur „Selbsthilfe“ ist. Zumindest für viele. Sehr hilfreich, wenn man nach ein paar Jahren durch den Job kaputt gemacht wurde und mangels Hilfs- und Präventionsangebote für sich selber nur noch einen Ausweg sieht.

Ich bin diese Heuchelei und das Geschwätz in diesem Land dermaßen Leid. Ich bin die Menschen leid, die Krisen und Probleme lediglich für die Aufwertung ihres Egos nutzen. Zuvor den vermeintlich, gesellschaftlich akzeptieren Meinungskorridor abchecken – ein Symptom einer heuchlerischen Selbstdarstellungskultur von Menschen, denen, zu Zeiten von Social Media und Co., jedes Mittel recht ist sich zu profilieren – als wirklich, und ich meine wirklich, ernsthaft das Problem zu sehen und lösen zu wollen, selbst wenn es nicht mehr fancy und cool ist, sich für eine Sache einzusetzen.

Corona ist schlimm und macht die Situation nicht besser, keine Frage, aber, zu glauben, dass Corona die einzige Ursache für die Probleme wäre, ist einfach nur dumm und ignorant. Wer denkt, dass nach Corona sich in der Branche alles schon zum Guten wenden wird und dann die Branche wieder aus den Augen verliert, hat das Problem nicht verstanden, ist Teil des Problems und sollte jetzt einfach besser still sein. Wir haben die Chance, jetzt Corona zu nutzen, nachhaltig fundamentale Änderungen am Gesundheitssystem und in der Pflege durchzusetzen, wer aber nur brüllt, weil Brüllen gerade so toll in den Meinungskorridor passt, sich aber sonst einen scheiß um seine Mitmenschen schert, dem kann ich zum Abschluss nur mit auf dem Weg geben, auch Du wirst mal krank, auch Du wirst mal alt und wenn Du Deinen Worten nicht auch echte Taten folgen lässt, wirst Du irgendwann zum Opfer Deiner eigenen Heuchelei, garantiert.

Heuchelei ist die Tugend des Feiglings - Voltaire

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.